Montag, 15. Januar 2018

"Guck mal, da kommt eine schöne Biegung!"


15. Januar       Amatura


Bei Amaturá ankern wir im kakaobraunen Wasser des Weißwasserflusses um in den Schwarzwasserfluss zu tendern, an dem die kleine Stadt mit ihren 3- 4000 Einwohnern liegt. Hier kommt maximal alle 2 Jahre einmal ein Schiff mit so vielen Fremden vorbei.

Von weitem sieht man schon den blauen Kirchturm, der am zentralen Platz steht.



Um dahin zu kommen, muß man aber eine ganze Menge an Anforderungen erfüllen. 
Das Tenderboot überquert zunächst den Strom, verschwindet dann in einer Bucht hinter einer kleinen Landzunge. Danach gibt es Probleme mit dem Anlanden, weil die örtlichen Boote auf Vorfahrt bestehen.  

Das erste Gedrängel beim Einsteigen schafft manch Einer erst, nachdem er sich im Treppenhaus bei stickiger Luft die Beine in den Bauch gestanden hat. War ihm das zu anstrengend und ist er zwischenzeitlich in seine Kabine gegangen, so wird er nicht auf das Boot gelassen, weil jetzt ein anderes Deck dran sei. Er steht nochmal an. 
Also ganz einfach ausgedrückt, es ist ein regelrechtes  Tohuwabohu.

Drüben angekommen nach etwa 15 Minuten Fahrtzeit in schon wieder stickiger Luft, muss über eine abenteuerliche, schmale und wackelige Bretterkonstruktion balanciert werden. Ein Seil und Männer vom Schiff geben Hilfestellung. Ins Wasser gefallen ist glaube ich niemand. Bei einem Bekannten konnte es mit Mühe gerade noch verhindert werden. Das dauert alles seine Zeit. 
Aber Langeweile kommt hier nicht auf.
Die Einheimischen bepacken ihre Boote, und füllenTreibstoff aus gebrauchten Getränke-Plastikflaschen auf. Nachschub kann man an Land besorgen.





Haben wir den Balanceakt über das Brett geschafft, erwarten erwarten uns viele steile Stufen die hohe Uferböschung hinauf. Oben angekommen, sind wir schon wieder
durchgeschwitzt. Die Sonne knallt vom Himmel herunter, die Luftfeuchtigkeit beträgt mehr als 90%.



Unter wunderschönen Bäumen auf der Uferpromenade gibt es wenige Geschäfte. Auch selbstgebackener Kuchen wird verkauft. Indiofrauen bieten verschiedene Früchte an, und die Hauptattraktion ist der Kleiderhaufen aus Altkleiderspenden, in dem die Leute versuchen, etwas Passendes zu finden.



Gelebt wird hier von Rinderzucht, Fischerei und Forstwirtschaft. Landwirtschaftlich bedeutsam sind Maniok, Bananen und Paranüsse. 
Paddel bietet der kleine Laden an und ebenso Regenschirme in großer Auswahl. Kneipen sind reichlich vorhanden. Allerdings ist nicht viel los um die Mittagszeit.







Die Zeugen Jehovas stehen lächelnd neben ihrem Zeitschriftenwagen, der weltweit genauso gleich ist, wie die ordentliche Kleidung und die gepflegte Frisur.


Die Menschen im Ort beobachten uns genauso wie sie.




Die Hauptstraße einmal nach links und einmal nach rechts, 2x kreuz und quer gelaufen, das gibt einen kleinen Überblick. Rita und Marlis lassen sich auf einem Mopedtaxi durch den Ort kutschieren. Ich bleibe auf meinen Füßen und habe Begegnungen mit anderen Fußgängern.



Auch hier wird fleißig gewaschen und Lufttrocknung wird der elektrischen Trocknung noch vorgezogen.


Einen Blumenladen braucht hier keiner. Blütenpracht gibt es gratis vor der Haustüre.





Und wenn man ganz dollen Hunger hat, so sind die Früchte des Papayabaumes auch nicht mehr weit.


Den kleinen Rundgang kann man zwar ein wenig in die Länge ziehen, man landet aber immer wieder an der Kirche.


Das auf dem Platz auf Schildern groß angekündigte Wifi funktioniert erwartungsgemäß nicht.


Die diversen evangelikalen Sekten kämpfen auch hier um die Vorherrschaft im Himmel. Brasilien ist ein Land, in dem fast stündlich eine neue religiöse Sekte gegründet wird, einige sind auch Filialen bereits bestehender Sekten. Seit 2010 sollen fast 70.000 neue Kirchen bei den Steuerbehörden registriert worden sein. In kaum einem Land gewinnen sie derartig großen Einfluß.
Ein einfaches Ladenlokal reicht schon, um dort Messen zu zelebrieren. Finanziert werden sie meist über Spenden. Es gibt auch Kirchen, die werden wie Unternehmen geführt und richten sich besonders an zahlungskräftige Gläubige. Aber das war ja schon im Mittelalter so. Da bekam man auch einen besseren Platz im Himmel, wenn man mehr Geld in den Kasten warf.
Viele Kirchen werde als Franchising- Unternehmen organisiert. Die "Universalkirche des Gottesreiches" soll in Berlin auch bereits eine Filiale ihres straff geführten Großunternehmens haben. 
Auch in der brasilianischen Regierung gibt es Politiker, die evangelikalen Sekten angehören, und der Bürgermeister von Rio ist ein ehemaliger evangelikaler Pastor, der mit seinen Moralvorstellungen bereits versucht, den Karneval in Rio zu verändern. Onkel des Bürgermeisters ist übrigens der Gründer der sog. Universalkirche. Aber das ist eine lange Geschichte...




Von der hohen Uferpromenade aus hat man schöne Ausblicke auf die kleinen Boote, die auf dem Wasser schwimmen oder schon lange abgesoffen sind und vor sich hin rotten. 




Die verschiedenfarbigen Wasser sind von oben gut zu erkennen, im Hintergrund wartet unser Schiff.



Gleich mehrere Nebenflüsse des Rio Solimões -so wird der Amazonas hier genannt- münden hier in der Gegend.

Obwohl die Mücken die Schwarzwasserbereiche angeblich meiden, werde ich 2x angestochen. Vielleicht waren es aber auch nur Ameisen, denen ich in die Quere kam.
Eine riesige Kolonie von Blattschneiderameisen kreuzt nämlich meinen Weg, und die erfüllen ja stur ihre Aufgaben. Da könnte ja mal eine bissig werden.



Die Rückfahrt zum Schiff gestaltet sich nicht weniger kompliziert als die Herfahrt. Zuerst warten wir auf das Tenderboot. 
Das Tenderboot tuckert 10m vor dem Anleger herum, legt aber nicht an. Warum, das lässt sich für uns nicht nachvollziehen. Nach etwa 30 Minuten des Herumstehens in brütender Hitze heißt es wieder Balancieren auf dem schmalen Brett, um dann mit dem vorletzten Boot erschöpft die Dusche zu erreichen. 



So langsam zeigen sich auch bei mir  Ermüdungserscheinungen. Seit Wochen bewege ich mich im klimatischen Bereich des Äquators. Da kommen schon mal Träume von Frühling, Sommer, Herbst und Winter auf.
Die Hitze bleibt aber, mit Mühe ist es im Schatten auszuhalten. Ausnahmegestalten halten es weiterhin in der prallen Sonne aus. 
Die gekühlte Kabine ist eine gute Alternative. Vom Bett aus habe ich einen Superblick auf den Fluss und das Ufer. 



Am Nachmittag fängt es an zu regnen. Schwül bleibt es natürlich trotzdem und wird es auch morgen wieder sein.





Auf dem Deck versucht eine Frau, ihren Mann für einen Blick aufs Wasser zu begeistern. "Guck`mal, da kommt eine schöne Biegung!" Die Antwort kommt postwendend und grummelnd. 
"Nein! Ich gucke nicht mehr raus. Es ist ja seit Tagen das Gleiche!"




An Bord war heute ein ganzes Sammelsurium an Faltern zu bewundern. Die Lebenden klammern sich unbeweglich fest, viele haben den Stress nicht überlebt.





Ausnahmsweise will ich heute Abend zur Show gehen. 
Die Crewmitglieder präsentieren ihre Talente. 
Ziemlich peinlich leitet der Bordarzt den Abend ein. Er spielt Klavier wie ein Drittklässler, der zeigen soll, was er schon gelernt hat. Und er ist so begeistert von sich, dass er dem Publikum ungebeten noch eine Zugabe aufdrängt.
Die meisten Beiträge danach haben mir gefallen. Manche Crewmitglieder haben eine erstaunlich gute Stimme.

Der Kreuzfahrtdirektor verkündet, dass in der letzten Nacht 3 oder 4 Bilder im Flur von den Wänden geklaut wurden. Das Glas und die Rahmen wurden zerstört und die historischen Aufnahmen entwendet. 
Nicht nur er ist sprach- und ratlos. Das habe es noch nicht gegeben. Da es ja an Bord schon diverse Benimmdich- Auffälligkeiten gegeben hat, wundert mich eigentlich gar nichts mehr.



Ich will morgen einen Ausflug zu den Huitoto- Indianern machen. Da ist eine Wanderung im Regenwald vorgesehen. Hoffentlich wird das kein Reinfall. 
Die Wetterprognosen versprechen nichts Gutes.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

anders, aber auch nicht schlecht

Februar 2018   -   eine Woche später                         Auch Hannover hat seine Reize!