Sonntag, 7. Januar 2018

Santarem- schöne Stunden am Amazonas

7.Januar 
ein Nachmittag in Santarem

An Bord haben sich die aufdringlichen Fliegen mittlerweile auch eingenistet, und sie haben vor allem die Buffets im Palmgarten Auge. 
Gestern Abend hatten wir eine Käferinvasion. Für Abwechslung ist gesorgt!
Zum Glück ist die Kabine noch ohne sichtbare Krabbeltiere, sodassder Mittagspause nichts im Wege steht, während der Kapitän die 35 km entfernte Stadt Santarém ansteuert.

Unterwegs will ich eigentlich Ausschau halten nach einem umstrittenen Speicher, an dem wir wohl vorbeikommen, da wo früher ein schöner Strand war. Leider verpenne ich die Zeit. 
Ohne rechtsgültige Umweltprüfung hatte der weltweit agierende Soja Exporteur Cargill hier einen großen Sojaspeicher gebaut.  Zwar mußte diese illegale Soja-Verladestation des US-Agrarkonzerns Cargill in Santarem 2007 bis auf Weiteres geschlossen werden. Aber der Konzern arbeitet bis heute weltweit, und derzeit geht es ihm besonders gut beim Abholzen der Regenwälder Indonesiens. Kein Ende der Praktiken der Zerstörung ist in Sicht.

Am Nachmittag heißt es wieder: Auf zum Schwitzen. Wir liegen zwar im Hafen, was uns das Tendern erspart, aber bis zur Stadt sind es 3km Fußweg in praller Sonne. 
Die Alternative, den Ausflug zum Maicasee, habe ich nicht gebucht. Er soll schön gewesen sein. Aber eins geht nur. Natur erleben oder zu versuchen, das Leben in einer Stadt am Amazonas zu erspüren. 
Wir fahren mit einem Taxi zur Praça Mirante do Tapajós, dem Aussichtspunkt, von dem aus man ein Naturschauspiel beobachten kann. Einst stand hier die Tapajós- Festung, von der aus man den Amazonas und den Rio Tapajós überblicken konnte. Heute verstecken sich Echsen in den Bäumen, die sich sicher nicht für den Ausblick interessieren, dafür um so mehr aber Besucher.
Während das Wasser des Amazonas ja kakaoartig braun ist, ist das des Rio Tapajós der Beschreibung nach grün bzw. kristallklar. Gegenüber dem eindeutigen Amazonasbraun empfinde ich ihn ganz einfach als hauptsächlich dunkel.
Über etwa 6 km mischen sich die beiden Gewässer nicht, sondern fließen nebeneinander her. Auf der von weitem sichtbar Trennlinie fahren die kleinen Ausflugsdampfer hin und her.



Santarem präsentiert sich am Sonntag als nettes, etwas verschlafenes Städtchen.
Groß geworden ist Santarém durch den längst vergangenen Kautschukboom und Goldfunde in der Umgebung während der 50er Jahre.
Wir bewegen uns nur im kleinen, touristisch interessanten Bereich, in dem sonntags alles geschlossen ist und natürlich nur Touristen freiwillig durch die Sonne laufen.
Immerhin hat die Stadt etwa 300.000 Einwohner, ist die drittgrößte brasilianische Stadt am Amazonas. Also ganz so winzig ist sie nicht, und sie hat große Pläne.
Hier soll der größte Hafen der Welt für Sojaexporte entstehen. Was das für den Regenwald, die verbliebenen Menschen in ihm und unser Weltklima bedeutet, dürfte klar sein. Auch die deutsche Fleischmastindustrie kauft liebend gerne in Südamerika ihr Soja ein.
Hauptsache, die Milliarden fließen in die dicken Taschen, und wir kriegen viel Fleisch billig auf den Teller. Die paar Urwaldbäume werden schon nachwachsen...
Es herrscht eine leichte Brise, als der Taxifahrer uns am Aussichtspunkt absetzt. Wir genießen unseren Ausguck auf die unvorstellbaren Wassermassen, die da in 2 Farben strikt getrennt nebeneinander fließen.



Danach spazieren wir weiter und sitzen schon bald im Foyer des Hotel London, dürfen netterweise das dortige Wifi nutzen. Wir hätten gerne ein Getränk bestellt, aber der Restaurantbereich ist den Hotelgästen vorbehalten. Statt dessen können wir uns gratis an einer großen Thermoskanne mit Kaffee bedienen!
Auf dem Schiff ist das Wifi so katastrophal schlecht, dass es sich kaum lohnt, sich ein Kontingent zu kaufen. Kaum hat man sich ein- und wieder ausgeloggt, z.B. weil es wieder quälend langsam ist, ist auf unsichtbarem Wege regelmäßig deutlich mehr verbraucht, als sein dürfte. Also ist man darauf angewiesen, dass man irgendwo sonst seine Nachrichten absetzen und erhalten kann.
Irgendwann trödeln auch ein paar Ausflügler herein, die eine organisierte Bustour gemacht haben und nun nicht wissen, wie sie ihre Wartezeit überbrücken sollen. Wir ziehen weiter.

Der Fischmarkt hat geschlossen, das Museum auch. Sonntagsruhe. Ein paar hübsche, teils renovierte Häuser mit Kacheln geschmückt, bezeugen die koloniale Vergangenheit von Santarém, einer Stadt, die 1661 von Jesuiten mitten im Regenwald gegründet wurde. Aber bereits vor 8000 Jahren war die Gegend besiedelt durch eine noch unbekannte Hochkultur. Sogar bis zu 11.000 Jahre alte Keramiken zeigt die Sammlung Tapajós im  Centro Cultural João Fona (Museu de Santarem) im alten Gefängnis und Rathaus. Ich hätte sie mir gerne angesehen.
Genauso gerne hätte ich bei der über 90-jährigen Dona Frazão in der Rua Floriano Peixoto 281 geklingelt.  Sie zeigt Interessierten, wie man Kleidung etc. aus Naturfasern von Amazonasbäumen hergestellt. Aber soll man eine so alte Dame am Sonntag Nachmittag stören? Ich weiß ja nicht einmal, ob das, was ich mir notiert habe, noch aktuell ist.






Wir werfen durch das verschlossene eiserne Türgitter einen Blick in die hübsche, strahlend blau gestrichene Kirche aus dem 19. Jhdt. Nicht jeder ahnt, dass die Jesuiten die Kirche auf einem Friedhof der dort lebenden Indianer erbauten.


Die 3 km zurück zum Schiff laufen wir zu viert immer am Wasser entlang. Gegen 17 Uhr sind immer mehr Menschen unterwegs. Die Sonne versteckt sich hinter Wolken, es weht eine frische Brise. Unzählige Fischerboote liegen am Ufer, und die Stimmung ist unbeschreiblich. 









Ausflugsboote, die auch dem Nahverkehr dienen, kehren zurück. 




Die ersten Grillstände brutzeln Fleisch oder braun gebackene Kartoffeln an. Hängematten schaukeln an Mangobäumen auf der Uferpromenade und noch viel mehr auf den Booten. Dort wird gekocht, gegessen, geplaudert. 






Viele Leute müssen noch schuften. 8 junge Männer schleppen ein höllisch schweres Gerät, ähnlich einem Motor, die steile Uferböschung hinunter und müssen das Ding erst einmal ratlos vor dem zu engen, krummen und wackeligen langen Holzsteg absetzen, um sich eine Lösung für ihre Aufgabe auszudenken. Wir müssen leider weiter. 




Der Untergang der hinter Wolken versteckten Sonne naht, und im Dunkeln wollen wir nicht mehr unterwegs sein. 
Jetzt bin ich ganz schön kaputt. 2 Ausflüge an einem Tag bei dem Klima sind schon eine Herausforderung.




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