Morgengespräch auf dem Schiff ist der gestrige Abend. Man hört natürlich unterschiedliche Ansichten. Manche würden den ersten Preis für die unmöglichste Sylvesterparty vergeben. Ich auch. Vielleicht äußert sich ja noch jemand von Plantours dazu.
Aber nun fahren wir durch die Amazonaskanäle, wozu sich über Nebensächlichkeiten aufregen. Die gestrige Nacht ist jetzt unwichtig und abgehakt.
Wir werden mit unserem relativ kleinen Schiff die Breves-Kanäle im weit verzweigten Amazonasdelta befahren und zwar einen ganzen Tag und eine Nacht lang. Größere Kreuzfahrtschiffe können hier nicht fahren. Lediglich die kleinen Schiffe von Hapag Lloyd kommen hier auch hindurch.
Man kommt den Ufern relativ nahe und sieht Unterkünfte der Bewohner. Die Menschen, die hier leben, werden Caboclos genannt. Das sollen Menschen indianischer Abstammung sein, die sich mit anderen Zuwanderern Brasilien gemischt haben. Ein bißchen durcheinander geht das mit den Bezeichnungen, und so gibt es auch die Bezeichnung Nativos, die ein ähnliches naturverbundenes Leben führen wie ihre indianischen Vorfahren.
Die Durchfahrt eines Passagierschiffes ist immer noch eine Sensation, und so kommen aus allen Ecken kleine Boote angedüst, um uns ein Stück zu begleiten, zu winken, Selfies mit unserem Schiff zu machen.
Der hat für heute genug gesehen und dreht ab.
Wir fotografieren sie, sie fotografieren uns.
Einige winzige Ruderboote sind dabei, in denen das Wasser steht und ständig geschöpft wird. Kinder sind alleine oder mit Freunden unterwegs. Ganze Familien haben sich auf den Weg gemacht. Wer noch nicht laufen kann, wird von Papa an die Brust gedrückt. Mit der anderen Hand werden Motor und Ruder bedient.



Die Frauen oben rechts im Foto haben sogar ihre beiden Hunde dabei!
Wenn es nicht so unendlich heiß wäre, würde ich den ganzen Tag an der Reling verbringen. Am schönsten ist es am Bug. Dort ist es meistens nicht allzu voll und vor allem viel leiser als hinten.
2x sehe ich in Ufernähe ein helles großes Tier aus dem Wasser springen und wieder eintauchen. Zuerst dachte ich an einen Fisch. Da später aber einige rosa Delfine gesichtet werden, nehme ich auf Grund von Farbe und Größe an, dass es auch Delfine waren.
Die Evangelikalen treiben auch hier wieder ihr Unwesen. Diese Ansiedlung macht einen verlassenen Eindruck.
Weiter flussaufwärts leben offenbar noch Menschen. Die Missionare sind nur ein Stück weiter gezogen. Irgendetwas muss die katholische Kirche versäumt haben in diesem Land mit eigentlich sehr vielen Katholiken. Überall sind die Sekten geradezu hyperaktiv am Werk. Selbst in kleinen Orten machen sich die verschiedenen Gruppierungen gegenseitig Konkurrenz und bauen ein Kirchlein nach dem anderen. Die finanziellen Mittel fließen offenbar reichlich aus dem Mutterland der einzig wahren Gläubigen. Die katholische Kirche gerät zunehmend ins Hintertreffen.
Die einzige größere Stadt auf unserem Weg ist Breves, ansonsten sieht man unterwegs mehr vereinzelt stehende Häuser oder kleine Ansiedlungen.
Wir kommen schon wieder an eine der vielen Verzweigungen im Delta.
Hier war gerade Waschtag.
An manchen Stellen lassen sich am Ufer blühende Bäume entdecken.
Kurz vor der Stadt Breves, einer Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern, ziehen dicke Wolken auf. Ein Tropenguss verscheucht mich kurzfristig nach drinnen.
Eine Großfamilie möchte sich trotz des Wetters den Anblick unseres Schiffes nicht entgehen lassen.
Wir schippern unbeirrt weiter, vorbei an Breves. Belém ist noch lange nicht in Sicht.

Mal werden wir von den Bootsstegen aus beobachtet, mal wirken die Hütten völlig verlassen.
Am Ende der Kanäle öffnet sich das Wasser so weit, dass man glaubt, wieder auf dem Meer zu sein. Es ist aber der Weg nach Belém, der von Afuá nach Belém insgesamt 553km beträgt.
Die Kanäle zu befahren ist wirklich ein tolles Erlebnis, wenn auch anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Bilder aus Katalogen, Büchern oder Fernsehsendungen prägen ja die Bilder, die man im Kopf mit sich herumträgt.
"Der Regenwald mit seinen exotischen Geräuschen und Gerüchen ist im wahrsten Sinne des Wortes "zum Greifen nah". So konnte man zB bei Geo nachlesen.
Auf den Fotos kann man aber deutlich erkennen, wie breit die Wasserwege hier sind, die sich auch noch pausenlos immer wieder verzweigen. Und wenn das schon die engen Wasserstrassen waren, kann ich mir vorstellen, wie weit die Ufer auf den noch folgenden Strecken voneinander entfernt sein werden. Natürlich habe ich das alles gelesen. Aber Lesen und Erleben sind eben zweierlei.
Wenn es heißt, dass man in den "engen" Kanälen den Menschen sozusagen auf den Tisch schauen kann, so muss man doch der Ehrlichkeit halber sagen, dass man dazu aber Adleraugen oder ein ordentliches Teleobjektiv braucht.
Nun geht es dem Abend entgegen. Wir müssen noch die ganze hindurch Nacht fahren.
Heute Nacht werde ich sicher träumen von braunem Wasser, grünen Bäumen, einfachen Hütten und noch einfacheren Nußschalen auf dem Wasser. Diese Fahrt ist ein echtes Erlebnis.
Auf einer Seekarte könnte man sehr schön unsere Route sehen, wenn wir vernünftige Karten von Plantours bekommen hätten.Ich habe keine gesehen. Statt dessen hängt bei der Rezeption auch heute noch das Sammelsurium von Infos über Afuá, wo ja bereits gestern waren und schon lange nicht mehr sind.
Das Schlimmste aber ist das Bad. Der WC- Sitz sieht aus, als käme er direkt von einem ausgemusterten Schiff. Sauber ja, aber die Farbe ist unbeschreiblich. Ich habe auch Fotos davon gemacht, die will ich lieber nicht posten. Während der Deckel in normalem Elfenbeinweiß glänzt, hat sich auf der mittleren Hälfte der Brille der Gilb breitgemacht. Das sei vom Desinfektionsmittel, muss ich mir anhören. Merkwürdigerweise war in der anderen Kabine alles ok. Heißt das dann vielleicht, dass die weißen Brillen kein Desinfektionsmittel gesehen haben?
Und auf meine Beschwerde hin, will mir der Techniker doch tatsächlich weismachen, man könne den Deckel nicht separat austauschen, weil es eine Vakuumtoilette sei! Das ist absoluter Schwachsinn. Der Deckel hat die gleichen Montageschrauben wie jede handelsübliche Toilette, habe ich später festgestellt! Und das Vakuum hat mit dem Deckel rein gar nichts zu tun.
Sorry, wir haben keine Deckel dabei, wir leider müssen sparen. Das wäre vielleicht die passende Antwort gewesen. Oder man hätte umgehend einen ordentlichen Deckel aus einer freien Kabine besorgt. Leider fallen mir die besten Lösungen immer erst zu spät ein.
Mein Favorit: den abgeschraubten Deckel auf den Schreibtisch des Kreuzfahrtdirektors legen.
Leider passiert bezüglich meines Deckels während der nächsten 18 Tage meiner Schiffsreise absolut NICHTS! Schade, dass meine Freundin Christiane nicht dabei ist! Ich muss diesbezüglich noch viel lernen von ihr!
































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