26.12.2017 Georgetown/Guyana
Guyana, das "Land der vielen Wasser", liegt an der Nordküste Südamerikas zwischen Venezuela und Surinam. Die Hauptstadt dieses souveränen Staates ist Georgetown.
Im Südwesten grenzt es an Brasilien, getrennt durch das Guyana- Gebirge.
85% des Landes sind mit tropischem Regenwald bewachsen. Der größte Fluss ist der Essequibo, der höchste Berg mit 2810 m der Roraima-Tepui.
Im 17. Jhdt gründeten die Holländer in der Region mehrere Kolonien. Im 18. Jahrhundert haben sie in dieser sumpfigen Region mit Hilfe von Deichen versucht, das sumpfige Land trocken zu legen, um Zuckerrohr anbauen zu können. Diese Entwässerungsgürtel sind heute noch der Agrargürtel des Landes.
Ansonsten gleichen sich die Geschichten irgendwie.
Bis 1815 wurde Guyana zum Spielball zwischen Holland, Frankreich und England. Dann wurde es dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland zugeschlagen. So entstand 1831 die Kolonie British-Guyana.
1966 wurde sie unabhängig und nennt sich seit 1970 "Kooperative Republik Guyana".
Seit 1960 gibt es immer wieder Konflikte zwischen Afro-Gyanern und Indisch-Guyanern.
An das schreckliche Massaker von Jonestown kann ich mich nur zu gut erinnern. Damals gab der Sektenführer Jim Jones seinen Anhängern den Befehl zum kollektiven Selbstmord, und es kamen mehr als 900 Menschen um!
Tropische Schwüle ist alltäglich. Durch den Klimawandel und einen Anstieg des Meerwasserspiegels ist Guyana besonders stark gefährdet. 70% der Bevölkerung lebt in der Küstenregion.
43% der Bewohner des Landes stammen ursprünglich aus Indien, rund 30% sind Kreolen und 9% Indigene. Indiandergemeinschaften findet man noch im Hochland.
In Guyana sind 12 verschiedene Sprachen amtlich anerkannt!
Georgetown, Linden und New Amsterdam sind die 3 größten Städte.
Das Land ist nur geringfügig kleiner als Großbritannien. Mit seinen Nachbarstaaten Surinam (vormals Holländisch Guyana) und Venezuela soll es immer wieder Grenzstreitigkeiten geben.
Wir ankern jetzt im großen Fluß namens Demerara im Hafen von Georgetown, der Hauptstadt und dem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Der Demerara entspringt im tropischen Regenwald, ist 345km lang und von den hohen Bauxitmengen, die er mit sich schleppt so stark braun gefärbt. Ölpfützen schillern an der Oberfläche und schieben sich mit dem schwimmenden Unrat in Richtung Meer. Was genau da schwimmt, läßt sich auch bei großer Vergrößerung nicht genau sagen.
Beim Bauxitabbau finden massive Umweltvergiftungen zu Lasten der Menschen statt, auf die unser Aluminiumhunger keine Rücksicht auf Verluste nimmt. Es wird im Tagebau abgebaut und bei der Weiterverarbeitung zu Aluminium entsteht hochgiftiger Rotschlamm. Die Leute, die in der Nähe dieser Bauxitabbaugebiete leben, vergiften sich notgedrungen innerlich und äußerlich am Wasser der Flüsse, in denen kein lebendiger Fisch mehr schwimmt. Beabsichtigt und unbeabsichtigt gelangt Rotschlamm in die Flüsse. Aber auch die bei der Verhüttung entstehenden Gase schädigen massiv die Umwelt und die dort lebenden Menschen.
In der Ferne sieht man die Demerara Harbour Bridge. Das ist die mit 1851 Metern längste Pontonbrücke Südamerikas. Auf ihr gibt es 2 Fahrspuren und Gehwege. Pontonbrücken sind sinnvoll, weil sie sich dem Wasserstand anpassen. Übrigens soll es bereits im 9. Jahrhundert v. Chr. in Vorderasien und China Pontonbrücken gegeben haben.
Auf der Georgetown gegenüberliegenden Seite wächst Regenwald.
Man solle sich extrem vorsehen, wenn man in der Stadt unterwegs ist. Goldbehangen durch die Straßen zu gehen, sei keine gute Idee. Der Frust der Einwohner richte sich gelegentlich auch gegen Weiße. Wir werden mehrfach gewarnt.
Es regnet fast ununterbrochen. Das hält Marlis und mich aber nicht davon ab, uns mit Schirm bewaffnet auf den Weg zu machen. Vorsichtshalber habe ich sogar meine Ohrstecker rausgenommen, dafür aber den extrem lauten Schrillalarm mitgenommen, den mir Jan- Hendrik zu Weihnachten geschenkt hat.
Kaum sind wir raus aus dem Hafen, laufen wir schon an einem kleinen Slum vorbei, der nicht viel anders in Indien aussieht. Gerade kommt eine spindeldürre junge Frau mit einer Schüssel voller Wäsche durch eine schmale Tür heraus, um diese im dreckigsten Gulliwasser zu waschen. Wahrscheinlich hat sie keine andere Wahl.
Nur durch die offene Tür bekommt man einen kurzen Einblick in die schlimmen Lebensverhältnisse der Bewohner.
Hans guck in die Luft zu spielen ist bei diesen Strassenverhältnissen nicht angesagt.
Zwielichtige Gestalten schlurfen vorbei. Es dauert keine 5 Minuten, und wir haben Begleitschutz. Abwechselnd fahren 2 große Polizeiwagen hinter uns her, wenn’s sein muss auch falsch herum in die Einbahnstraße. Sie warten immer, bis wir uns ein paar Meter bewegt haben und folgen dann. Hier fährt gerade einer voraus.
Am großen Stabroek Market ist es etwas wuselig, an einem Werktag ist hier sicher kein Durchkommen. An einem solchen Tag hätte uns die Polizei nur noch zu Fuß schützen können. Es soll viele verschiedene Geschäfte im Markt gene, etwa 1880 wurde er gebaut und soll an die viktorianische Zeit erinnern.
Das Obstangebot ist groß, aber man braucht ja auch Geld, um einkaufen zu können.
Wie schon in der Karibik beobachtet, verdienen sich viele Familien ein Zubrot, indem sie kochen und ihre Gerichte dann offenbar erfolgreich verkaufen.
Die Bewacher warten, um welche Kurve wir gehen werden. Hinter dem Markt stehen moch ein paar repräsentative Gebäude, da müssen wir natürlich hin.
Dann biegen wir in die kleinen Geschäftsstrassen ein und es ist deutlich sichtbar, wie arm die Menschen hier sind. Natürlich bis auf die, die besser dran sind.
Die Hauptstadt ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Landes. Im Reiseführer steht, man könne hier ausgezeichnet guten Schmuck, Gold, Silber und Edelsteine kaufen. Die Preise seien niedrig in den staatlichen Läden, die Qualität gut! Wenn ich meine Erlebnisse rekapituliere und mir das Bild der Stadt in Erinnerung rufe, dann muss ich fast lachen, bei der Vorstellung, dass ich hier irgendwo meine Kreditkarte zücken würde, die aber nicht akzeptiert wird, dann ein Bündel Dollarnoten hervorkrame und Schmuck kaufe. Auch unter Polizeischutz ist der Gedanke daran in diesem bettelarmen Land richtig absurd.
Unter den Augen unserer Bewacher begrüßt uns der Herr in der Ringelmütze per Handschlag und fängt ein Gespräch auf Deutsch an. Der andere gesellt sich dazu, zwar Kauen beschäftigt, möchte aber unbedingt mit aufs Foto.
Grachten nicht zugemüllt wären mit jeglichem Müll und unzähligen Plastikflaschen.
Die Stadt liegt 2m unterhalb des Meeresspiegels, daher steht hier ständig irgendwo Wasser. Unter den Holländern habe das von ihnen angelegte Grachtensystem noch funktioniert, aber die Engländer hätten es wohl teilweise zugeschüttet. Daher funktioniert nun gar nichts mehr.
Wir biegen ab in eine EInbahnstrasse. Wie erwartet, folgt uns das Polizeiauto.
St George`s Cathedral, eine der größten Holzkirchen der Welt ist mit 45m Höhe auch eines der höchsten Holzgebäude der Welt. Alle Kirchen haben heute offenbar geschlossen.
Auf einmal sehen wir zum ersten Mal 2 Leute vom Schiff, ein jüngeres Paar, das ziemlich aufgelöst aus Richtung Kirche auf uns zukommt. Wir sollten bloß nicht in eine bestimmte Richtung gehen, sie seien gerade überfallen worden, und ein Polizeiauto habe sie hierher gebracht, da es hier sicherer sei. 2 junge Kerle kamen aus dem Nichts, versuchten der Frau einen kleinen Silberreif vom Hals zu reißen und die kleinen Ohrstecker auch. Sie wurde attackiert und umgeworfen, dem Mann konnten sie weniger angehen, er hat sich gewehrt. Ihr T-Shirt war eingerissen, die Mütze weg, und sie waren beide fix und fertig.
Da wir Marlis und ich ja unter permanentem Begleitschutz stehen, schließen sie sich uns an, und wir laufen zu Viert zwischen den Bäumen weiter.
In der Allee, in der einige Regierungsgebäude stehen, wird der Jeep dann abgelöst durch 2 Fahrradpolizisten mit Blaulicht am Rad, die nicht von unserer Seite weichen.
Unsere treuen Begleiter folgen uns auf Schritt und Tritt..
Bei dem roten Haus kann man besonders deutlich die schräg gestellten Fensterläden sehen. Früher standen dahinter auch noch Wasserbehälter. Dadurch kühlt sich wohl die einströmende Luft ab und man hatte so eine Art Klimaanlage.
Dieses Gebäude wird besonders gut bewacht. Wir dürfen es absolut nicht fotografieren. Nach ein bißche Diskussion dann immerhin von der anderen Strassenseite aus.
Hier hingegen hält der Soldat sogar ein Schwätzchen mit uns auf englisch. In dem schönen Park liegt der Wohnsitz des Regierungschefs.
In der Nähe des Leuchtturms liegt ein recht gepflegtes Wohngebiet. Hier sieht man auch noch viele alte Häuser auf Pfählen.
Wir geben den Polizisten ein gutes Trinkgeld und lassen uns in der Lobby nieder. Endlich gibt es mal ein ordentliches Wifi und einen leckeren Kaffee.
Der Leuchtturm von 1830 sollte Schiffen vom Atlantik her die Einfahrt in den Demerara Fluß weisen. Der Backsteinturm mit einer Höhe von 31 Metern ist eines der Wahrzeichen von Georgetown.
Wir nehmen uns zum Schiff zurück ein Taxi. Das überfallene Paar möchte unbedingt noch zum Stabroek Market und geht den langen Weg zurück, mit Begleitschutz durch die Fahrradpolizisten.
Der Fahrer bringt uns sicher zum Hafen zurück. Allerdings hat er keine Ahnung, dass hier ein Kreuzfahrtschiff liegt und wo das sein soll. Zum Glück haben wir einen Plan und wissen auch, wo es lang geht, nämlich da, wo wir nicht langgehen sollten und es glücklicherweise auch nicht getan haben. Aus dem Auto heraus sieht alles gar nicht furchtein-flößend aus.
Nachdem wir ausgestiegen sind, gehen wir nochmal circa 30 Meter zurück, um ein windschiefes Haus zu fotografieren. Gleich erscheint an der nächsten Kreuzung wieder ein Polizeiwagen, und hinter uns tauchen 2 Polizisten zu Fuß auf. Die werden alle froh sein, wenn das Schiff wieder weg ist.




In das innere Hafengelände kommt man nur durch verschiedene enge Gittertore und nachdem eine Dame sorgfältig erneut den Namen von der Schiffs- Identitätskarte abzuschreiben versucht. Erst danach drückt sie auf den Summer, der mit Klick das letzte Gatter öffnet.
Völlig verschwitzt nehme ich eine Dusche, muss allerdings gleich zum 2. Mal den Klempner bestellen, da sowohl im Bad, als auch in der Dusche das Wasser steht. Angeblich liegt es an der Schieflage des Schiffes, von der ich nichts bemerke. Außerdem ist es schon komisch, dass das gleiche Theater mit Wasser auf dem Boden bei mir schon einmal vorkam. Und braunes Wasser kam an einigen Tagen auch schon aus dem Hahn. DIe Erklärungen dazu sind recht widersprüchlich und zum Zähneputzen ist es auf jeden Fall ekelig.
Heute wollte der Herr erst gar nichts machen, hat aber dann doch lautstark in den Rohren gerührt.
Umsonst gibt es hier ja heißes Wasser bis gegen 21 Uhr. Ob die Herrschaften tatsächlich glauben, man soll sich auch noch das Zahnputzwasser kaufen? Gut, dass ich immer Vorrat habe!
Trotz der angeblich verantwortlichen Schieflage kommt dann noch jemand, der mir frische Handtücher bringt und das Wasser auf dem Boden wegsaugt.
Zu den Kaieteur Falls, den höchsten freifallenden Wasserfällen im Norden Südamerikas, ging ein Ausflug mit dem Flieger. Dazu hätte ich bei dem Wetter keine Lust gehabt. Die Leute, die dabei waren und viel Geld bezahlt haben, hatten viel zu erzählen. Erfreulich war, dass alle heil zurück gekommen sind. Sonst nichts. Gesehen hätten sie auch nichts. Es habe nur gegossen und manch einer hat sich tüchtig erkältet.
Den Sonnenuntergang sollte man an der Uferpromenade verbringen, mit Blick auf die längste Pontonbrücke der Welt. Soweit ich weiß, ist niemand vom Schiff an Land. Ich habe auch gar keine Uferpromenade entdeckt.
Ich glaube nicht, dass ich das Schiff hier nochmal verlasse. Und wiederkommen werde ich mit Sicherheit auch nicht.
In diesem bettelarmen Land sind wir von 9-22 Uhr, bevor es weiter geht.
Man darf sich die Frage stellen, was sich eine Reederei dabei denkt, hier 13 Stunden anzulegen. Nonstop werden hier Container ausgeladen. Förderbänder gibt es nicht, also muss jeder Karton einzeln in die Hand genommen werden. Kann es sein, dass man hier ganz besonders preiswert liegen kann und viel Geld sparen?
Es soll schon mindestens 3 Jahre lang hier kein Kreuzfahrtschiff angelegt haben, und wenn man sich zu Hause die Route anschaut, dann klingt alles ja zunächst einmal ganz interessant. Selbst ohne Überfall ist dies zur Zeit aber kein Hafen für Kreuzfahrtschiffe!!! Die Leute vor Ort haben sich ja wirklich alle Mühe gegeben und wahrscheinlich die letzte Reserve an Polizisten sonntags zum Dienst beordert. Denen muss ich ein dickes Lob aussprechen. Ich habe noch nie ein so sicheres Gefühl gehabt bei der Erkundung einer etwas zwielichtigen Gegend. Sie haben uns tatsächlich nie aus den Augen gelassen.
Wir waren ja nicht die einzigen, die unterwegs waren und beschützt wurden. Aber dass man keine 2 Querstrassen weiter gehen durfte, weil da auch keine Polizei herumfuhr, das wusste man eben nicht.
Vom Schiff aus wurde ein Ausflug verkauft, bei dem der Bus durch die Stadt fuhr, ebenfalls mit Begleitschutz und die Leute, wenn überhaupt, einmal kurz rausgingen, um schnell wieder einzusteigen. Manche haben ganz verschreckt darüber berichtet.
Noch sind wir festgezurrt.
Am Horizont erwartet uns wieder der Atlantik.
Den Demerara hinauf fahren heute andere Boote.
Bei der Ausfahrt wirbeln wir das Dreckwasser tüchtig auf. Beige und Dunkelbraun mischen sich. Der Unrat weiß nicht welche Richtung er nehmen soll.
Die ersten Mücken wittern ihr Glück. Ich will zuschlagen.
Sie sitzen aber außen auf der Scheibe, sodass wir uns gegenseitig nichts tun können.
Es fasziniert mich, in die Dunkelheit zu starren. Unter mir die sich mischenden Wasser, die sich entfernenden Lichter der Stadt, ein paar Schiffe und Blinklichter am Ufer. Eine Fledermaus saust vorbei, und am Ende meines Horizonts taucht ein dunkles Band auf. Faszinierend, wispernd, meine Fantasie anregend, nichts als dichter dunkler Urwald.
Ein paar weiße Wolken erhalten irgendwoher noch genug Licht um zu strahlen, während der Fluss nur noch von unserer Schiffsbeleuchtung zehrt.
Sogar der Mond möchte Anteil haben an dem Geschehen,
Dann dreht sich das Schiff leider um seine eigene Achse. Wolken und Mond entziehen sich meinem Blick. Nun blenden mich die Lichter der Industrieanlagen am anderen Ufer. Der Zauber ist weg. Schade.
In der Nacht werde ich im Bett hin und her gerollt. Das Schiff schaukelt vor sich hin. Aber das ist in der Horizontalen gar nicht so ungemütlich, und übel wird mir dabei nicht.



















































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